Was ist Jin Shin Jyutsu?

Jin Shin Jyutsu ist eine alte japa­ni­sche Kunst, die mit sanf­ter Berüh­rung arbei­tet. Im Mit­tel­punkt ste­hen die Hän­de, die bewuss­te Wahr­neh­mung und das Wis­sen um bestimm­te Berei­che des Kör­pers – die soge­nann­ten Sicher­heits-Ener­gie­schlös­ser.

Der Name klingt kom­pli­zier­ter, als die Anwen­dung eigent­lich ist.

Jin Shin Jyutsu geht davon aus, dass unser Kör­per über einen natür­li­chen Ener­gie­fluss ver­fügt. Wird die­ser Fluss durch kör­per­li­che, emo­tio­na­le oder men­ta­le Belas­tun­gen aus dem Gleich­ge­wicht gebracht, kön­nen sich Span­nun­gen und Blo­cka­den ent­wi­ckeln. Durch geziel­te, acht­sa­me Berüh­rung soll der Kör­per dabei unter­stützt wer­den, wie­der in sei­ne eige­ne Balan­ce zu fin­den.

Die 26 Sicher­heits-Ener­gie­schlös­ser

Ein wich­ti­ger Bestand­teil des Jin Shin Jyutsu sind die 26 Sicher­heits-Ener­gie­schlös­ser – bestimm­te Punk­te bzw. Berei­che auf bei­den Sei­ten des Kör­pers.

Man kann sie sich tat­säch­lich ein biss­chen wie Schlös­ser vor­stel­len.

Nicht, weil dort etwas „fest ver­schlos­sen“ ist, son­dern weil sie im Ver­ständ­nis des Jin Shin Jyutsu eine Art Sicher­heits- und Regu­la­ti­ons­punk­te des Kör­pers dar­stel­len. Wer­den sie mit den Hän­den gehal­ten, kann sich etwas ver­än­dern: manch­mal ganz sub­til, manch­mal erstaun­lich deut­lich.

Man­che Men­schen spü­ren dabei Wär­me, ein Pul­sie­ren oder ein Nach­las­sen von Span­nung. Ande­re bemer­ken zunächst über­haupt nichts – und stel­len erst spä­ter fest, dass sie tie­fer atmen, ruhi­ger wer­den oder sich ihr Kör­per plötz­lich anders anfühlt.

Es gibt dabei nicht das eine Schloss, das für alle Men­schen und jede Situa­ti­on passt. Wel­che Kom­bi­na­ti­on sinn­voll ist, hängt davon ab, was gera­de da ist.

Genau hier beginnt der Unter­schied zwi­schen dem blo­ßen Wis­sen über die ein­zel­nen Punk­te und dem eigent­li­chen Strö­men.

Eine alte Kunst – und ihre Geschich­te

Jin Shin Jyutsu wird tra­di­tio­nell als eine sehr alte, ursprüng­lich münd­lich über­lie­fer­te Kunst beschrie­ben. Ihr Wis­sen geriet über die Jahr­hun­der­te weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit.

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts beschäf­tig­te sich der Japa­ner Jiro Murai inten­siv mit die­sem alten Wis­sen. Aus einer per­sön­li­chen Erfah­rung her­aus begann er, die Zusam­men­hän­ge sys­te­ma­tisch zu erfor­schen und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Sein Leben wid­me­te er anschlie­ßend dem Stu­di­um des Jin Shin Jyutsu.

Eine sei­ner wich­tigs­ten Schü­le­rin­nen wur­de Mary Bur­meis­ter. Sie lern­te über vie­le Jah­re bei Jiro Murai und brach­te Jin Shin Jyutsu spä­ter in die USA. Von dort aus ver­brei­te­te es sich wei­ter in der west­li­chen Welt.

Mary Bur­meis­ter leg­te dabei gro­ßen Wert auf einen Gedan­ken, der bis heu­te zum Kern des Jin Shin Jyutsu gehört:

Es geht nicht nur dar­um, sich von jemand ande­rem hel­fen zu las­sen. Man kann ler­nen, sich selbst zu hel­fen.

Des­halb beginnt Jin Shin Jyutsu nicht erst bei der Arbeit mit ande­ren Men­schen. Ein wesent­li­cher Teil ist die Selbst­hil­fe – das eige­ne Erle­ben, Beob­ach­ten und Ler­nen.

Selbst­hil­fe & die Arbeit mit einem Prak­ti­ker

Die Grund­la­gen kann man ler­nen. Es gibt Kur­se, in denen die Phi­lo­so­phie, die 26 Sicher­heits-Ener­gie­schlös­ser und die prak­ti­sche Anwen­dung ver­mit­telt wer­den. Man lernt, sich selbst zu strö­men und sich mit den eige­nen Hän­den zu unter­stüt­zen. Das ist etwas Beson­de­res – denn man trägt die­ses Wis­sen immer bei sich.

Aber irgend­wann kommt etwas hin­zu: Erfah­rung und Wahr­neh­mung.

Man lernt, mit den Hän­den nicht ein­fach nur einen bestimm­ten Punkt zu hal­ten. Man beginnt wahr­zu­neh­men, wie sich eine Berüh­rung ver­än­dert. Wo fühlt sich etwas fest an? Wo wird es wei­cher? Wo ver­än­dert sich der Atem? Wo ent­steht Bewe­gung? Wann ist es genug?

Das ist kein Hokus­po­kus und auch kei­ne beson­de­re über­sinn­li­che Fähig­keit.

Aber es ist eine Form von Wahr­neh­mung, die sich mit der Zeit ent­wi­ckelt.

Und genau hier liegt für mich ein wich­ti­ger Unter­schied zwi­schen Selbst­hil­fe und der Arbeit mit einem erfah­re­nen Prak­ti­ker.

Sich selbst zu hel­fen ist wert­voll – und genau dafür ist Jin Shin Jyutsu da. Aber wenn wir uns selbst strö­men, blei­ben wir immer auch Teil des­sen, was gera­de in uns pas­siert. Wir spü­ren, beur­tei­len und reagie­ren aus unse­rer eige­nen Per­spek­ti­ve.

Wenn ein ande­rer Mensch die Hän­de auf­legt, ent­steht eine ande­re Situa­ti­on. Man muss nichts tun, nichts beob­ach­ten und nichts „rich­tig machen“. Der Kör­per kann auf die Berüh­rung reagie­ren, ohne dass man selbst etwas steu­ern muss.

Der Prak­ti­ker bringt dabei nicht sei­ne eige­ne Lösung mit. Er bringt sein Wis­sen, sei­ne Erfah­rung und vor allem sei­ne Wahr­neh­mung mit – und beglei­tet den Pro­zess, ohne ihn vor­zu­ge­ben.

Selbst­hil­fe kann unglaub­lich wert­voll sein. Aber sie ersetzt nicht die Erfah­rung, sich ein­mal ganz auf die Arbeit eines ande­ren Men­schen ein­zu­las­sen. Und genau da wird es ein biss­chen „beson­ders“.

Viel­leicht ken­nen Sie das: Es gibt Din­ge, die las­sen sich theo­re­tisch erklä­ren – und trotz­dem ver­steht man sie erst wirk­lich, wenn man sie selbst erlebt. So ähn­lich ist es mit Jin Shin Jyutsu. Die Posi­tio­nen, die Prin­zi­pi­en und die ver­schie­de­nen Strö­me kann man ler­nen. Was dar­aus in einem kon­kre­ten Moment ent­steht, lässt sich dage­gen nicht voll­stän­dig nach einem fes­ten Sche­ma vor­her­sa­gen.

Geschul­te Wahr­neh­mung statt fixer Regel

Zwei Men­schen kön­nen die­sel­be Berüh­rung aus­füh­ren und trotz­dem fühlt sie sich völ­lig unter­schied­lich an.

Des­halb gehört zum Jin Shin Jyutsu neben dem Wis­sen auch die Fähig­keit, wirk­lich auf­merk­sam zu sein. Nicht mehr tun. Nicht stär­ker drü­cken. Nicht mög­lichst viel errei­chen wol­len. Son­dern wahr­neh­men, was gera­de da ist – und dar­auf reagie­ren.

Viel­leicht ist das der Teil, den man­che als „Gabe“ bezeich­nen wür­den. Ich wür­de es eher eine geschul­te Wahr­neh­mung nen­nen. Etwas, das zu einem gewis­sen Teil schon in jedem Men­schen steckt – schließ­lich haben wir alle Hän­de, Berüh­rung und Wahr­neh­mung. Durch Übung, Erfah­rung und vie­le Stun­den des eige­nen Erle­bens kann dar­aus etwas sehr Fei­nes ent­ste­hen.

War­um Jin Shin Jyutsu für mich mehr ist als „Punk­te hal­ten“

Mich fas­zi­niert genau die­se Ver­bin­dung aus Wis­sen und Wahr­neh­mung.

Ich arbei­te nicht nach einem star­ren Sche­ma und lege nicht bei jedem Men­schen auto­ma­tisch die­sel­ben Sicher­heits-Ener­gie­schlös­ser auf. Ich schaue, höre und spü­re, was gera­de da ist. Manch­mal ist es eine bestimm­te Abfol­ge. Manch­mal reicht eine sehr ein­fa­che Berüh­rung. Manch­mal ver­än­dert sich wäh­rend einer Sit­zung etwas und die nächs­te Berüh­rung ergibt sich dar­aus. Und manch­mal pas­siert schein­bar gar nicht viel. Bis man spä­ter merkt: Irgend­et­was ist anders.

Der Atem ist frei­er. Der Kopf ist ruhi­ger. Eine Bewe­gung fühlt sich leich­ter an. Man schläft anders. Oder man geht ein­fach mit einem ande­ren Kör­per­ge­fühl nach Hau­se.

Genau die­se fei­nen Ver­än­de­run­gen sind für mich das Span­nen­de an Jin Shin Jyutsu.

Nicht die Fra­ge: Was muss ich jetzt machen?

Son­dern:

Was braucht die­ser Mensch gera­de?

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